Abenteuer Nordkapp: 1’075 Kilometer Autobahn, dänische Stürme und die historische Festungsstadt Kristiansand
Willkommen zurück auf TomOnTour! Der Startschuss für eines meiner bisher grössten Abenteuer ist gefallen: Das Nordkapp ruft. Gestern Morgen ging es im heimischen Luzern um 1 Uhr morgens los – voller Vorfreude, das Visier unten und den Kompass starr nach Norden gerichtet.
Tag 1: Der Marathon durch Deutschland
Der erste Tag stand ganz im Zeichen des reinen Meilenmachens. Mein Ziel war es, Deutschland so schnell wie möglich hinter mir zu lassen, um mehr Zeit für Skandinavien zu haben. Also hiess es: ab auf die Autobahn und Kilometer fressen. Nach schier endlosen Etappen standen am Abend in Waldbüll ganz im Norden Deutschlands sage und schreibe 1’075 Kilometer auf dem Tacho.
Ganz ehrlich?
Das war eine extrem anspruchsvolle Ansage und im Nachhinein vielleicht doch ein kleines bisschen too much. Selbst auf einer für Langstrecken gebauten Maschine wie meiner BMW R 1300 GS Adventure spürt man nach 14 Stunden im Sattel jeden einzelnen Knochen. Doch der mentale und physische Kraftakt hat sich gelohnt: Der Grundstein für die lange Reise war gelegt.
Tag 2: Dänische Wetterkapriolen und der Sprung über den Skagerrak
Nach einer überraschend erholsamen Nacht in Waldbüll rollte ich heute Morgen über die nahe gelegene Grenze nach Dänemark. Die Fahrt durch das jütländische Flachland entwickelte sich schnell zu einem echten Härtetest in Sachen Wetter. Innerhalb von Minuten wechselten sich sintflutartige Regengüsse, die einem die Sicht raubten, mit strahlendem Sonnenschein ab. Was die Fahrt aber spürbar anstrengend machte, war der unbarmherzige, extrem starke Seitenwind. Wer schon einmal bei böigem Sturm über offene dänische Brücken und Highways gefahren ist, weiss, wie sehr man hier mit der Maschine arbeiten muss.
Pünktlich und glücklicherweise ohne Zwischenfälle erreichte ich schliesslich Hirtshals im äussersten Norden Dänemarks. Dieser Ort ist seit jeher ein strategisch wichtiges Tor zur Nordsee und nach Skandinavien. Schon während des Zweiten Weltkriegs wurde hier eine gewaltige Bunkeranlage (die zehntgrösste der deutschen Wehrmacht in Dänemark) errichtet, um die Einfahrt ins Skagerrak zu kontrollieren. Für mich war Hirtshals heute aber vor allem eines: der Fährhafen, der mich endlich nach Norwegen bringen sollte.
Die Überfahrt über das Skagerrak – jene Meerenge, die Nord- und Ostsee verbindet und schon zu Zeiten der Wikinger eine der am stärksten befahrenen und gefürchtetsten Schifffahrtsrouten Europas war – bot die perfekte Gelegenheit, kurz durchzuatmen, bevor der Bug schliesslich in den Hafen von Kristiansand einlief.
Kristiansand: Renaissance, weisse Holzhäuser und Kanonen
Kristiansand hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Die Stadt ist nicht nur das Tor zum Süden Norwegens, sondern blickt auf eine faszinierende Geschichte zurück. Gegründet wurde sie 1641 vom dänisch-norwegischen König Christian IV., der sich hier eine strategisch günstige Bastion gegen Piraten und schwedische Flotten aufbaute.
Wenn man heute durch das Zentrum spaziert, fällt sofort das schachbrettartige Strassennetz auf. Dieses als Kvadraturen (die Quadraturen) bekannte Renaissance-Stadtbild liess der König damals mit eiserner Hand planen, um eine moderne, leicht zu verteidigende Handelsstadt zu erschaffen.
Besonders beeindruckend ist das Viertel Posebyen. Es ist der einzige Teil der Altstadt, der den verheerenden Stadtbrand von 1892 überstanden hat. Die Strassen sind gesäumt von wunderschönen, makellos weissen Holzhäusern, die der Stadt einen unglaublich charmanten, maritimen Charakter verleihen. Unten am Wasser thront zudem die alte Festung Christiansholm aus dem 17. Jahrhundert. Ihre dicken Mauern und die alten Kanonen, die über den Segelhafen auf den Fjord blicken, erinnern eindrucksvoll an die Zeiten, als Kristiansand eine schwer bewaffnete Militärstadt war.
Ausblick: Auf zu den Wikingern
Für heute steht das Bike sicher geparkt. Ich sauge bei einem Abendessen die frische Nordmeer-Luft auf und lasse das erste echte Norwegen-Feeling wirken.
Morgen geht es weiter Richtung Norden. Das klare Tagesziel heisst Trondheim. Dann tauchen wir noch tiefer in die norwegische Geschichte ein, denn Trondheim (früher Nidaros) war die erste Hauptstadt Norwegens und ein spirituelles Zentrum der Wikinger. Die echte Skandinavien-Magie beginnt genau jetzt!